Mühlenrad
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Moritz geht auf die Walz
 

Am 23.02.2018 veranstaltete der WassermĂŒhlen- und Heimatverein Wiepke seine Jahreshauptversammlung im Ferienpark Zichtau. Nach der offiziellen Versammlung, gab es noch ein besonderes Event.
Unser langjĂ€hriges Mitglied Moritz Neß wurde von den Mitgliedern des MĂŒhlenvereins verabschiedet. Denn Moritz geht auf die Walz.
Den Mitgliedern wurde die Verfahrensweise von Moritz Betreuer Altgeselle Max erlÀutert.
Alle Mitglieder wĂŒnschten Moritz viel GlĂŒck und gutes Gelingen auf seiner Reise. Moritz wurde gebeten auf seiner Reise möglichst viele MĂŒhlen aufzusuchen und GrĂŒĂŸe zu bestellen.

Volksstimme Artikel vom 07.03.2018, Redakteurin Doreen Schulze

Maurergeselle Moritz Neß ist unterwegs: ZurĂŒck nach Gardelegen in die Altmark darf er frĂŒhestens in drei Jahren und einem Tag. Er wird seinen Namen ablegen. In den kommenden Jahren wird er Moritz Fremd Maurer FBS sein. FBS fĂŒr Freier Begegnungsschacht, Fremd fĂŒr die Zeit in der Fremde.

Bevor die Walz beginnt, wurde am Wochenende aber noch ausgiebig Abschied gefeiert, mit Familie und Freunden und Wandergesellen und –gesellinnen, die aus allen vier Himmelsrichtungen kamen. Auf dem Lindstedter Gutshof feierten an die 60 Leute.

Am Montag dann der Abschied. Zur Mittagszeit treffen sich Verwandte, Freunde und Wandergesellen am Ortsausgangschild. Dort wird der Gardeleger traditionsgemĂ€ĂŸ verabschiedet und auf die Walz geschickt.

Bevor er losgehen darf, muss er ein Loch am Ortsausgangsschild buddeln. Etwa schulterbreit und 80 Zentimeter tief, damit der Frost nicht nach unten dringt. Hinein kommt die Schnapsflasche, aus der zuvor jeder der GÀste einen Schluck nahm. Altgeselle Maximilian Fremd Schmied FBS erklÀrt den Brauch.
„Wenn er nach drei Jahren und einem Tag nach Hause kommt und dort ist nichts mehr da, hat er immer noch diese Flasche.“
Und noch ein Brauch folgt: Moritz muss auf das Ortsausgangsschild klettern und lÀsst sich in die Arme der anwesenden Wandersleute fallen. Ein Symbol, dass er sich nun ihnen anvertraut, sich in ihre HÀnde begibt.

Max und Moritz
Und dann wandert Moritz Fremd Maurer FBS los, begleitet von Altgesellen Maximilian und den ĂŒbrigen Wandergesellen. Sein Altgeselle wird ihn auch wĂ€hrend der Losgehzeit drei Monate lang begleiten. „Das ist so etwas wie eine Probezeit.“, schildert Maximilian. Er werde Moritz wĂ€hrend der ersten Zeit zur Seite stehen, ihm Tipps geben, wie eine Unterkunft zu finden ist, helfen, sich zurecht zu finden, Erfahrungen zu sammeln.

Auf die Walz gehen, das interessierte Moritz Neß schon lange. 2015 beendet er die Maurerlehre in Haldensleben, arbeitete dann auf Montage. „Das Problem war, ich war zwar in vielen Orten, habe aber kaum etwas davon gesehen“, sagt er im Volkstimme-GesprĂ€ch. Auch war die Arbeit Ă€hnlich.

Von der Walz verspricht er sich, dass er in vielen Betrieben unterschiedliche Herangehensweisen an die Arbeit mit verschiedenen Materialen kennenlernen, viel von der Welt sehen und aufgeschlossene Menschen treffen wird.

Kontakt zu Wandergesellen zu bekommen, war aber zunĂ€chst gar nicht so einfach, erinnerte sich Moritz. Den Stein ins Rollen brachte sein Vater, der in Gardelegen Wandergesellen traf und sie zu sich nach Hause zum Essen einlud. Es waren Angehörige des Freien Begegnungsschachtes. Von ihnen erfuhr Moritz eine Menge ĂŒber die Walz und den FBS. Über das Internet informierte er sich weiter, fuhr zu zahlreichen Treffen der Wandergesellen.

Bei einem lernte er Maximilian kennen, der bereits seit drei Jahren und knapp drei Monaten unterwegs ist. Weil die Chemie stimmte, wĂ€hlte Moritz ihn als Altgesellen aus. Im Oktober vorigen Jahres besuchte der die Familie in Gardelegen, um sich ein Bild zu machen. „Wir mĂŒssen klĂ€ren, warum jemand auf die Walz geht, ob es vielleicht auch eine Flucht ist“, erklĂ€rt Maximilian, der aus Mittweida bei Chemnitz stammt. Zudem muss der Wanderbursche schuldenfrei sein und alles geregelt haben, bevor es losgeht, denn „wer noch Ungeregeltes zu Hause lĂ€sst, hat den Kopf nicht frei.“ Um den Kopf auch in den ersten drei Monaten der Wanderschaft freizubehalten, nehmen die Wandergesellen so lange auch keinen Kontakt zu ihren Familien auf. Nur so könne man sich auf die neue Situation besinnen.

Moritz Fremd Maurer FBS geht am Montag los, mit Freude auf das, was vor ihm liegt, aber auch mit einem „mulmigen GefĂŒhl“, wie er sagt. Schließlich wisse er am Morgen nicht, wo er am Abend schlafen wird. In den kommenden Jahren wird er auch auf die UnterstĂŒtzung seiner Mitmenschen angewiesen sein. „Eine Regel bei uns ist nĂ€mlich auch, dass wir kein Geld fĂŒr Unterkunft und Fortbewegung ausgeben. Per Anhalter mitfahren ist aber okay“, sagt Altgeselle Maximilian und appelliert an die Mitmenschen, den Gesellen in der Kluft aufgeschlossen gegenĂŒber zu treten, denn: „Wer die Kluft trĂ€gt, weiß, wie man sich zu benehmen hat.“







Moritz mit Max


Freier Begegnungsschacht (FBS)

. gegrĂŒndet im MĂ€rz 1986
. Zusammenschluss reisender und einheimischer Handwerksgesellen mit abgeschlossener Gesellenausbildung in einem traditionellen Handwerksberuf
. traditionelle Reisedauer 3 Jahre und ein Tag
. die Bannmeile betrÀgt 50 Kilometer um den Heimatort
. die Kluft: Staude, ein weißes Stehkragenhemd, Hose, Weste, Jackett mit Permuttknöpfen in den Farben des Gewerkes, Zylinder, Melone oder Schlapphut, schwarze Schuhe und die graue Ehrbarkeit, ein gehĂ€keltes Band, an der Staude befestigt, als Ă€ußeres Zeichen des FBS
. das Ablegen des Namens soll zeigen, dass alle gleich sind
. fĂŒr Unterkunft und Fortbewegung darf kein Geld ausgegeben werden
. im deutschsprachigen Raum gibt es acht SchÀchte


Der Text ist mit geringfĂŒgigen Ausnahmen der Volkstimme Gardelegen vom 07.03.2018 entnommen,
Redakteurin Doreen Schulze,
Die Bilder wurden von der Familie Neß zur VerfĂŒgung gestellt, die auch die Zustimmung zur Veröffentlichung gab.

 
 
 
 
 
   
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